Verliebt in einen „Widder" mit dreieinhalb Tonnen ram_symbol.gif (3620 Byte)

– oder wie die Unvernunft siegte...

 

Dies ist eine unglaubliche Geschichte über ein ungewöhnliches Auto. Erlebt von Jörg Thalmaier und inszeniert von der (Sehn-)Sucht nach dem American way of life im automobilen Umfeld.

 

Die Vorgeschichte

Wie sollte er mir verborgen bleiben, mir, der stets den Blick auf der Straße umherschweifen ließ, auf der Suche nach Autos, die nicht zum alltäglichen Einheitsbrei rundgelutschter europäischer Kompaktsparbüchsen gehörten.

Es kam selten genug vor, dass einem auf der Straße ein Gleichgesinnter begegnete. Vielleicht auch noch mit einem fahrbaren Untersatz der Kategorie „Jeep", so wie ich einen besitze, nach Möglichkeit einen aus der CJ-Reihe. Aber es durfte auch ein „Pickup" sein, diese typisch amerikanische Zwitterart zwischen Pkw und Laster. Hin und wieder sah man einen und dachte sich, wie nett.

Dabei ging in unserer Stadt das Gerücht um, es treibe sich ein schwarzlackiertes, pickup-ähnliches Monster mit gewaltigen Ausmaßen auf unseren Straßen herum. Gesehen hat es keiner so richtig, auch wusste keiner etwas über die Herkunft, geschweige denn technische Daten. Eine Legende?

Ich wünschte mir solch eine Begegnung von Herzen, aber leider blieb es beim Hörensagen. Doch eines Tages passierte es. Es kam so, wie es kommen musste: Da war er, diesmal sah ich ihn wahrhaftig vor mir, mit seinen aufgeplusterten Backen und der mächtigen Hinterachse, die nur, so schien es, dazu da war, die Zwillingsreifen im Zaum zu halten. Ich pirschte mich an der Ampel ehrfurchtsvoll an ihn heran und rollte mit angehaltenem Atem an seiner linken Seite entlang. Mann... das dauerte, bis ich die Fahrerkabine endlich erreichte. Ein ungewohnter Blickwinkel aus meinem (höhergelegten) CJ; statt wie gewöhnlich nach unten zu sehen, konnte ich die Seitenfenster auf gleicher Höhe fixieren. Kein Wunder, denn man hätte bequem mit dem ganzen Oberkörper in die Radausschnitte eintauchen können, um die überdimensionalen Rahmenteile und Federn aus nächster Nähe zu begutachten.

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An der Tür konnte man jetzt den rot-silbernen Schriftzug deutlich entziffern: RAM3500 V10 Magnum. Weiter nach vorne kam ich leider nicht mehr heran, denn plötzlich, ohne hörbares Motorgeräusch, spurteten über 3 Tonnen Gummi und Stahl los und entzogen sich vehement meinen hinterhereilenden Blicken, bis die fünf roten Buchstaben auf der Heckklappe nicht mehr zu sehen waren:

D O D G E

Damals schwor ich mir: Irgendwann fährst du selbst dieses Monster...

 

Die Wende

Ich muss zugeben, dass ich neben meinem privatgenutzten CJ-7 noch einen Geschäftswagen für die „gewöhnlichen" Fahrten, auch mit Familie und so, lenken durfte. Es war, wie konnte es anders sein, auch ein Jeep, aber eben der große aus dem Cherokesenstamm, ein Grand Cherokee. Schön war er, komfortabel, mit viel Platz und er teilte sich sein Revier mit vielen Stammeskollegen. Jeden Tag sah man dutzende davon, der Grand Cherokee mutierte eher zu einem biederen Fahrzeug. Mein Schwur peinigte mich immer öfter, und bei einem zufälligen Besuch meines Jeephändlers traute ich meinen Ohren kaum: Das Monster suchte einen neuen Besitzer.

Was? Unglaublich! Wieso auf einmal? Und jetzt, was machst du jetzt? Zusehen, wie ein anderer die Zügel in die Hand nimmt? Ich kämpfte – erst mit mir (was nicht so schlimm war), dann mit meiner Frau, zum Schluss mit dem Noch-Besitzer. Ich will niemandem zumuten, das gleiche durchzumachen wie ich, angefangen von schlaflosen Nächten, überzogenen Konten, die mich im Traum verfolgten (wenn ich doch mal für kurze Zeit aus Erschöpfung in einen leichten Schlaf fiel), langersehnten Lottogewinnen, bis hin zu unerwarteten Erbschaften.

Nein, es war nicht zu machen, nicht zu dem Preis. Nochmal mit dem Besitzer telefonieren, die Nummer kannte ich mittlerweile auswendig. Feilschen, feilschen und argumentieren, mit Nachteilen, die man später selbst in Kauf nehmen würde – eigenartig. Aber steter Tropfen höhlt den Stein... Er war mürbe, endlich. Geschafft! Zum Schluss war alles ganz einfach. Ich gab meinen Grand der Leasingfirma zurück und übernahm zu sogar günstigeren Konditionen den Pickup. Dass der Dodge auch noch billiger in Versicherung und Steuer war, ist ein kleiner Ausgleich hinsichtlich der Betriebskosten. Egal, und wenn er noch so säuft! Du hast ihn jetzt!

 

Die neue Ära

Der Vorbesitzer (ha, was für ein schönes Wort) brachte mir die Neuanschaffung persönlich vorbei, ich sollte ihn dann lediglich in sein Büro fahren, ein paar Kilometer am Rande der Stadt.

Prima, dachte ich, dann kannst du ihn gleich mal ausprobieren. Sehnsüchtig hielt ich Ausschau nach einem schwarzen Dach mit fünf orangefarbenen Lämpchen, das sich keck einen halben Meter über den dahinrollenden Kompaktdächern der anderen Verkehrsteilnehmer erhob.

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Oh, da war was... Tatsächlich! Wie geschrumpft sehen die vor und hinter dem Monster wuselnden Autos aus. Die Hände werden feucht, jetzt biegt er ein auf den Parkplatz vor meinem Geschäft. Ich wusste gar nicht, wie eng unsere Parkplätze ausgelegt sind, aber es sieht nett aus, wie jedes Reifenpaar auf jeder Seite auf den weißen Markierungen steht, nur die kleine Hecke im Hintergrund duckt sich unter der überstehenden Ladefläche, na ja.

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Da steht er – ein kurzer Gang rund ums Auto, immerhin 18 Meter, und ich darf das Allerheiligste betreten, die Fahrerkabine. Was allerdings zu einer kleinen Kletterübung wird, denn so hoch oben habe ich den wuchtigen Ledersitz nicht vermutet.

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Ein herrliches Gefühl, man sitzt wie in Abrahams Schoß. Ein Blick nach vorne lässt am Ende der gewaltigen Motorhaube die Straße vermuten. Den rechten Seitenspiegel kann man bequem elektrisch einstellen (ich richte ihn unbemerkt auf die rechte Hinterbacke, damit ich deren Ausmaße im Blickfeld habe). Nur nach hinten blockiert die Heckklappe die Sicht auf ein eventuell sich in diesem Abschnitt befindliches „normales" Auto. Der Beifahrersitz ist durch ein praktisches, in die herunterklappbare mittlere Rückenlehne integriertes Utensilien-Laptop-Brotzeit-Werkzeug-Fach von meinem Sitz getrennt und gerade noch in Rufweite. Doch beim Starten des Motors (läuft der schon?) stellt sich schnell heraus, dass man sich wie daheim im Wohnzimmer unterhalten kann, der Geräuschpegel ist extrem niedrig. Zehn Zylinder mit insgesamt acht Litern Hubraum lassen den Motor im Leerlauf seidenweich agieren. Die Automatik schaltet man am Lenkrad, eben typisch amerikanisch – damit ist Platz auf der vorderen Sitzbank für drei Leute. Lediglich der kurze Allradknüppel am Boden stört die Beinfreiheit des Mittelmanns ein wenig.

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Tja nun, dann wollen wir mal. Vorsichtig lasse ich die Bremse los, das Ungetüm rollt zögernd an, die Ausfahrt naht, ein verstohlener Blick in den rechten Aussenspiegel: Backe hat noch Platz. Ein Tritt auf die Bremse – hoppla. Gut dass ich angeschnallt war, die Verzögerung ist doch heftig gewesen, langsam pendelt die Karosserie aus...

Doch jetzt bin ich auf der Straße, mitten im Verkehrsgewühl. Verdammt, sind unsere Straßen eng, denke ich. Dabei poltere ich über jeden Gully im Rinnstein und habe das Gefühl, die Hinterbacke möchte zu gerne Bekanntschaft mit Fußgängern auf dem Gehsteig machen. Autofahren war eigentlich immer eine leichte Übung, aber dies ist die Oberliga, denke ich mit Schweißperlen auf der Stirn.

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Jedenfalls waren es eindrucksvolle Kilometer, die mir den nötigen Respekt vor diesem Fullsize-Pickup einflößten. Heute, nach gut einem Jahr Praxis, macht es Spaß, die Dimensionen durch den Verkehr zu schleusen, ohne die Adrenalinausschüttungen, die in den ersten drei Monaten an der Tagesordnung waren.

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Der Alltag

Mit seinen 6,40 Metern Länge und 2,34 Metern Breite ist der Dodge Ram sicherlich kein Alltagsauto, mit dem man enge Parklücken füllen oder Parkhäuser aufsuchen möchte. In der Regel meidet man Innenstadtbereiche, die man nicht genau kennt, denn es macht wiederum weniger Spaß, wegen eines Falschparkers gegen den strömenden Verkehr rückwärts dem Nadelöhr zu entweichen.

Anders auf der Autobahn – viel Platz, gute Übersicht, komfortables Cruisen (Tempomat) und ein minimaler Geräuschpegel. Durch die gerundeten Karosserieformen gibt es keine Windgeräusche, der Motor ist sowieso nur Hintergrundsäuseln. Es gibt wenige Autos, die einem bei Tempo 150 solch ein Gefühl der Ruhe und Ausgeglichenheit geben.

Steigungen werden schlichtweg ignoriert, dafür sorgt schon das satte Drehmoment von über 600 Newtonmeter, wobei es egal ist, ob auf der Pritsche zwei Tonnen liegen oder ob sie leer ist.

Fahrtechnisch bringt den bulligen „Widder" (Ram) so leicht nichts aus der Ruhe. Selbst die äusserst wellige Autobahn zwischen Brenner und Bozen lässt nie das Gefühl von Fahrwerksunruhen aufkommen – die Vorderachse taucht zwar oft gewaltig ein, doch die komfortablen Schraubenfedern vorne schlucken alle Stöße weg.

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Die Hinterhand zeigt allerdings nur mit zunehmender Zuladung eine Andeutung an Federungskomfort. Selbst wenn nur die Hilfsfedern oberhalb des mächtigen Blattfedernpakets auf Anschlag stehen, geht bei Fahrbahnabsenkungen ein nicht unerhebliches Zittern durch die Fahrerkabine. Seit ich die schweren Stahlzwillingsräder gegen Leichtmetallfelgen getauscht habe, ist der Komfort jedoch deutlich gestiegen. Auf die Größe des Radstandes bezogen erscheint einem der Ort des Geschehens (sprich Hinterachse) weit entfernt und wirkt sich auf das vordere Drittel nur abgeschwächt aus.

Doch nun endlich die schon lang ersehnte Antwort auf die Frage, die ich im Gespräch mit „normalen" Autofahrern immer als erstes zu hören bekomme: Was säuft der denn?

Dabei wird von den meisten die Typenbezeichnung falsch interpretiert. RAM 3500 bedeutet für alle, die sich nicht mit Pickups und deren Zuladungskennzahlen in Pfunden (lbs.) auskennen, schlichtweg 3,5 Liter Hubraum. Das V10-Emblem wird eher als Ventilanzahl gesehen und flugs der Motor als Fünfzylinder eingestuft. Mit der Schätzung von 15 Litern auf 100 km liegt Otto Normalverbraucher aber weit daneben. Wenn ich ihm dann noch sage, dass er ausgerechnet auf der Autobahn mit ca. 140 km/h (geht der denn so schnell?) den günstigsten Verbrauch an den Tage legt, dann glauben sich viele verschaukelt und gehen kopfschüttelnd von dannen.

Dabei verhält es sich tatsächlich so. Wenn der Wandler ab Tempo 80 überbrückt und die vierte Fahrstufe ohne Kraftverlust arbeitet, kann man durchaus auch bei Tempo 140 mit knapp unter 20 Litern Normalbenzin auskommen. Halt, halt! Wir reden hier von einem 3,5-Tonner, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 130 und einer eventuellen Zuladung von gut einer Tonne – so gesehen ein akzeptabler Wert für 8 Liter Hubraum. Mit gut 120 Liter Tankinhalt lassen sich somit fast 600 km zwischen den Tankpausen realisieren.

Nun zur Kehrseite der Medaille. Richtig, wenn die Geschwindigkeit unter 80 km/h fällt, oft aus dem Stand beschleunigt wird, also im typischen Stop and Go des Stadtverkehrs, dann wird’s richtig teuer. Verbräuche über 30 Liter sind dann unvermeidlich. Aber das weiß man und man versucht solche Kurzstrecken zu meiden. Andererseits fällt es verdammt schwer, seinen Gasfuß zu zügeln, wenn an einer Ampel mit zwei Fahrspuren der Nebenmann in seiner frisierten Kiste schwarze Streifen hinterlassen möchte. Da juckt es schon gewaltig, und wenn dann das volle Drehmoment die Hinterachse erzittern lässt und der Schub nicht mehr aufhört, dann hält sich der Nebenmann an der nächsten Ampel bedeckter. Das gleiche Spielchen funktioniert auch an Autobahneinfahrten, und da ist nicht bei 50 Schluss, da wird die 100er-Marke nach 9 Sekunden überschritten – einfach brutal, was hier dahintersteckt! Gefährlich werden solche Kapriolen allerdings bei Fahrbahnnässe. Die beiden Hinterreifen sind völlig überfordert und wollen trotz teilweise gesperrten Differentials nicht „Fuß" fassen.

Ein Nervenkitzel besonderer Art (bei freien Straßen wohlgemerkt) ist der mit kurzem Druck aufs Gaspedal herbeizuführende Powerslide – gut steuerbar driftet die Hinterachse nach aussen und lässt sich bei Bedarf wieder einfangen, solange das Heck nicht überholt. Dann allerdings ist Feierabend, denn diese Masse macht alles nieder, was ihr in den Weg kommt. Wie gesagt, ein Spiel mit dem Feuer, denn die Grenzen sollte man kennen.

Wer bei widrigen Witterungsverhältnissen diese Spielart von vornherin ausschließen möchte, dem sei dann eben der Griff zum (zuschaltbaren) Allrad anzuraten. Damit fährt es sich wie auf Schienen und ein plötzlich ausbrechendes Heck ist nicht so schnell zu befürchten.

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Beweggründe

Ist es nicht unvernünftig, in diesen Zeiten gerade so ein Fahrzeug zu fahren?

Ja und nein -    Wer tagein tagaus zur Arbeit fahren muss, im Jahr auf 20. 000 km kommt und nebenher kein weiteres Auto besitzt, der sollte sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, solch ein Extremfahrzeug zu bewegen.

Wer allerdings wie ich auf einen Zeitraum von drei Jahren seine Unvernunft beschränkt, sich im Alltagsverkehr einschränken kann und seine Autos mit Herz statt mit Verstand aussucht, für den kann es nichts schöneres geben.

Einmal im Leben einen Fullsize-Pickup zu bewegen, mit all seinen Vor- und Nachteilen zu leben und Erfahrungen auf Deutschlands Straßen damit zu sammeln – das ist für jemanden, der amerikanische Autos liebt und schätzt, schon ein besonderes Gefühl. Alleine der Anblick lässt das Herz höher hüpfen. In den Staaten wäre dies nichts besonderes, bei uns im verkehrsgestressten Deutschland ist es die Ausnahme, welche die Regel bekanntlich bestätigt. Es wird auch immer eine Ausnahme bleiben, dafür sorgen schon unsere Spritpreise.

Wenn man das Ganze allerdings von einer anderen Seite aus betrachtet, ist es nicht mehr ganz so unvernünftig: Was geben manche Fans oder Kunstliebhaber für ihr Steckenpferd aus, was kostet ein guter Theatersitzplatz, wieviel zahlt man für ein Abendessen in gehobenem Ambiente – die Liste wäre so lang wie die unterschiedlichen Möglichkeiten, sein Geld für Dinge auszugeben, die einem (wenn auch nur kurzfristig) Freude machen.

Wenn ich dann an der Tankstelle für eine Tankfüllung über 200 Mark löhnen muss, so denke ich mir, dass ich mindestens doppelt so viel Spaß mit meinem „Monster" habe als Otto Normalverbraucher – und ich habe dann gar kein Problem, dafür auch das doppelte zu zahlen.

ram_ich1.gif (33227 Byte)Jörg Thalmaier

 

 

 

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