|
| |
Verliebt in einen Widder" mit dreieinhalb Tonnen 
oder wie die Unvernunft siegte...
Dies ist eine unglaubliche Geschichte über ein ungewöhnliches
Auto. Erlebt von Jörg Thalmaier und inszeniert von der (Sehn-)Sucht nach dem American way
of life im automobilen Umfeld.
Die Vorgeschichte
Wie sollte er mir verborgen bleiben, mir, der stets den Blick auf der
Straße umherschweifen ließ, auf der Suche nach Autos, die nicht zum alltäglichen
Einheitsbrei rundgelutschter europäischer Kompaktsparbüchsen gehörten.
Es kam selten genug vor, dass einem auf der Straße ein
Gleichgesinnter begegnete. Vielleicht auch noch mit einem fahrbaren Untersatz der
Kategorie Jeep", so wie ich einen besitze, nach Möglichkeit einen aus der
CJ-Reihe. Aber es durfte auch ein Pickup" sein, diese typisch amerikanische
Zwitterart zwischen Pkw und Laster. Hin und wieder sah man einen und dachte sich, wie
nett.
Dabei ging in unserer Stadt das Gerücht um, es treibe sich ein
schwarzlackiertes, pickup-ähnliches Monster mit gewaltigen Ausmaßen auf unseren Straßen
herum. Gesehen hat es keiner so richtig, auch wusste keiner etwas über die Herkunft,
geschweige denn technische Daten. Eine Legende?
Ich wünschte mir solch eine Begegnung von Herzen, aber leider
blieb es beim Hörensagen. Doch eines Tages passierte es. Es kam so, wie es kommen musste:
Da war er, diesmal sah ich ihn wahrhaftig vor mir, mit seinen aufgeplusterten Backen und
der mächtigen Hinterachse, die nur, so schien es, dazu da war, die Zwillingsreifen im
Zaum zu halten. Ich pirschte mich an der Ampel ehrfurchtsvoll an ihn heran und rollte mit
angehaltenem Atem an seiner linken Seite entlang. Mann... das dauerte, bis ich die
Fahrerkabine endlich erreichte. Ein ungewohnter Blickwinkel aus meinem (höhergelegten)
CJ; statt wie gewöhnlich nach unten zu sehen, konnte ich die Seitenfenster auf gleicher
Höhe fixieren. Kein Wunder, denn man hätte bequem mit dem ganzen Oberkörper in die
Radausschnitte eintauchen können, um die überdimensionalen Rahmenteile und Federn aus
nächster Nähe zu begutachten.

An der Tür konnte man jetzt den rot-silbernen Schriftzug
deutlich entziffern: RAM3500 V10 Magnum. Weiter nach vorne kam ich leider nicht mehr heran, denn plötzlich, ohne
hörbares Motorgeräusch, spurteten über 3 Tonnen Gummi und Stahl los und entzogen sich
vehement meinen hinterhereilenden Blicken, bis die fünf roten Buchstaben auf der
Heckklappe nicht mehr zu sehen waren:
D O
D G E
Damals schwor ich mir: Irgendwann fährst du selbst dieses
Monster...
Die Wende
Ich muss zugeben, dass ich neben meinem privatgenutzten CJ-7 noch einen
Geschäftswagen für die gewöhnlichen" Fahrten, auch mit Familie und so,
lenken durfte. Es war, wie konnte es anders sein, auch ein Jeep, aber eben der große aus
dem Cherokesenstamm, ein Grand Cherokee. Schön war er, komfortabel, mit viel Platz und er
teilte sich sein Revier mit vielen Stammeskollegen. Jeden Tag sah man dutzende davon, der
Grand Cherokee mutierte eher zu einem biederen Fahrzeug. Mein Schwur peinigte mich immer
öfter, und bei einem zufälligen Besuch meines Jeephändlers traute ich meinen Ohren
kaum: Das Monster suchte einen neuen Besitzer.
Was? Unglaublich! Wieso auf einmal? Und jetzt, was machst du
jetzt? Zusehen, wie ein anderer die Zügel in die Hand nimmt? Ich kämpfte erst mit
mir (was nicht so schlimm war), dann mit meiner Frau, zum Schluss mit dem Noch-Besitzer.
Ich will niemandem zumuten, das gleiche durchzumachen wie ich, angefangen von schlaflosen
Nächten, überzogenen Konten, die mich im Traum verfolgten (wenn ich doch mal für kurze
Zeit aus Erschöpfung in einen leichten Schlaf fiel), langersehnten Lottogewinnen, bis hin
zu unerwarteten Erbschaften.
Nein, es war nicht zu machen, nicht zu dem Preis. Nochmal mit dem
Besitzer telefonieren, die Nummer kannte ich mittlerweile auswendig. Feilschen, feilschen
und argumentieren, mit Nachteilen, die man später selbst in Kauf nehmen würde
eigenartig. Aber steter Tropfen höhlt den Stein... Er war mürbe, endlich. Geschafft! Zum
Schluss war alles ganz einfach. Ich gab meinen Grand der Leasingfirma zurück und
übernahm zu sogar günstigeren Konditionen den Pickup. Dass der Dodge auch noch billiger
in Versicherung und Steuer war, ist ein kleiner Ausgleich hinsichtlich der Betriebskosten.
Egal, und wenn er noch so säuft! Du hast ihn jetzt!
Die neue Ära
Der Vorbesitzer (ha, was für ein schönes Wort) brachte mir die
Neuanschaffung persönlich vorbei, ich sollte ihn dann lediglich in sein Büro fahren, ein
paar Kilometer am Rande der Stadt.
Prima, dachte ich, dann kannst du ihn gleich mal ausprobieren.
Sehnsüchtig hielt ich Ausschau nach einem schwarzen Dach mit fünf orangefarbenen
Lämpchen, das sich keck einen halben Meter über den dahinrollenden Kompaktdächern der
anderen Verkehrsteilnehmer erhob.

Oh, da war was... Tatsächlich! Wie geschrumpft sehen die vor und
hinter dem Monster wuselnden Autos aus. Die Hände werden feucht, jetzt biegt er ein auf
den Parkplatz vor meinem Geschäft. Ich wusste gar nicht, wie eng unsere Parkplätze
ausgelegt sind, aber es sieht nett aus, wie jedes Reifenpaar auf jeder Seite auf den
weißen Markierungen steht, nur die kleine Hecke im Hintergrund duckt sich unter der
überstehenden Ladefläche, na ja.

Da steht er ein kurzer Gang rund ums Auto, immerhin 18
Meter, und ich darf das Allerheiligste betreten, die Fahrerkabine. Was allerdings zu einer
kleinen Kletterübung wird, denn so hoch oben habe ich den wuchtigen Ledersitz nicht
vermutet.

Ein herrliches Gefühl, man sitzt wie in Abrahams Schoß. Ein
Blick nach vorne lässt am Ende der gewaltigen Motorhaube die Straße vermuten. Den
rechten Seitenspiegel kann man bequem elektrisch einstellen (ich richte ihn unbemerkt auf
die rechte Hinterbacke, damit ich deren Ausmaße im Blickfeld habe). Nur nach hinten
blockiert die Heckklappe die Sicht auf ein eventuell sich in diesem Abschnitt befindliches
normales" Auto. Der Beifahrersitz ist durch ein praktisches, in die
herunterklappbare mittlere Rückenlehne integriertes
Utensilien-Laptop-Brotzeit-Werkzeug-Fach von meinem Sitz getrennt und gerade noch in
Rufweite. Doch beim Starten des Motors (läuft der schon?) stellt sich schnell heraus,
dass man sich wie daheim im Wohnzimmer unterhalten kann, der Geräuschpegel ist extrem
niedrig. Zehn Zylinder mit insgesamt acht Litern Hubraum lassen den Motor im Leerlauf
seidenweich agieren. Die Automatik schaltet man am Lenkrad, eben typisch amerikanisch
damit ist Platz auf der vorderen Sitzbank für drei Leute. Lediglich der kurze
Allradknüppel am Boden stört die Beinfreiheit des Mittelmanns ein wenig.

Tja nun, dann wollen wir mal. Vorsichtig lasse ich die Bremse
los, das Ungetüm rollt zögernd an, die Ausfahrt naht, ein verstohlener Blick in den
rechten Aussenspiegel: Backe hat noch Platz. Ein Tritt auf die Bremse hoppla. Gut
dass ich angeschnallt war, die Verzögerung ist doch heftig gewesen, langsam pendelt die
Karosserie aus...
Doch jetzt bin ich auf der Straße, mitten im Verkehrsgewühl.
Verdammt, sind unsere Straßen eng, denke ich. Dabei poltere ich über jeden Gully im
Rinnstein und habe das Gefühl, die Hinterbacke möchte zu gerne Bekanntschaft mit
Fußgängern auf dem Gehsteig machen. Autofahren war eigentlich immer eine leichte Übung,
aber dies ist die Oberliga, denke ich mit Schweißperlen auf der Stirn.

Jedenfalls waren es eindrucksvolle Kilometer, die mir den
nötigen Respekt vor diesem Fullsize-Pickup einflößten. Heute, nach gut einem Jahr
Praxis, macht es Spaß, die Dimensionen durch den Verkehr zu schleusen, ohne die
Adrenalinausschüttungen, die in den ersten drei Monaten an der Tagesordnung waren.

Der Alltag
Mit seinen 6,40 Metern Länge und 2,34 Metern Breite ist der
Dodge Ram sicherlich kein Alltagsauto, mit dem man enge Parklücken füllen oder
Parkhäuser aufsuchen möchte. In der Regel meidet man Innenstadtbereiche, die man nicht
genau kennt, denn es macht wiederum weniger Spaß, wegen eines Falschparkers gegen den
strömenden Verkehr rückwärts dem Nadelöhr zu entweichen.
Anders auf der Autobahn viel Platz, gute Übersicht,
komfortables Cruisen (Tempomat) und ein minimaler Geräuschpegel. Durch die gerundeten
Karosserieformen gibt es keine Windgeräusche, der Motor ist sowieso nur
Hintergrundsäuseln. Es gibt wenige Autos, die einem bei Tempo 150 solch ein Gefühl der
Ruhe und Ausgeglichenheit geben.
Steigungen werden schlichtweg ignoriert, dafür sorgt schon das
satte Drehmoment von über 600 Newtonmeter, wobei es egal ist, ob auf der Pritsche zwei
Tonnen liegen oder ob sie leer ist.
Fahrtechnisch bringt den bulligen Widder" (Ram) so
leicht nichts aus der Ruhe. Selbst die äusserst wellige Autobahn zwischen Brenner und
Bozen lässt nie das Gefühl von Fahrwerksunruhen aufkommen die Vorderachse taucht
zwar oft gewaltig ein, doch die komfortablen Schraubenfedern vorne schlucken alle Stöße
weg.

Die Hinterhand zeigt allerdings nur mit zunehmender Zuladung eine
Andeutung an Federungskomfort. Selbst wenn nur die Hilfsfedern oberhalb des mächtigen
Blattfedernpakets auf Anschlag stehen, geht bei Fahrbahnabsenkungen ein nicht
unerhebliches Zittern durch die Fahrerkabine. Seit ich die schweren Stahlzwillingsräder
gegen Leichtmetallfelgen getauscht habe, ist der Komfort jedoch deutlich gestiegen. Auf
die Größe des Radstandes bezogen erscheint einem der Ort des Geschehens (sprich
Hinterachse) weit entfernt und wirkt sich auf das vordere Drittel nur abgeschwächt aus.
Doch nun endlich die schon lang ersehnte Antwort auf die Frage,
die ich im Gespräch mit normalen" Autofahrern immer als erstes zu hören
bekomme: Was säuft der denn?
Dabei wird von den meisten die Typenbezeichnung falsch
interpretiert. RAM 3500 bedeutet für alle, die sich nicht mit Pickups und deren
Zuladungskennzahlen in Pfunden (lbs.) auskennen, schlichtweg 3,5 Liter Hubraum. Das
V10-Emblem wird eher als Ventilanzahl gesehen und flugs der Motor als Fünfzylinder
eingestuft. Mit der Schätzung von 15 Litern auf 100 km liegt Otto Normalverbraucher aber
weit daneben. Wenn ich ihm dann noch sage, dass er ausgerechnet auf der Autobahn mit ca.
140 km/h (geht der denn so schnell?) den günstigsten Verbrauch an den Tage legt, dann
glauben sich viele verschaukelt und gehen kopfschüttelnd von dannen.
Dabei verhält es sich tatsächlich so. Wenn der Wandler ab Tempo
80 überbrückt und die vierte Fahrstufe ohne Kraftverlust arbeitet, kann man durchaus
auch bei Tempo 140 mit knapp unter 20 Litern Normalbenzin auskommen. Halt, halt! Wir reden
hier von einem 3,5-Tonner, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 130 und einer
eventuellen Zuladung von gut einer Tonne so gesehen ein akzeptabler Wert für 8
Liter Hubraum. Mit gut 120 Liter Tankinhalt lassen sich somit fast 600 km zwischen den
Tankpausen realisieren.
Nun zur Kehrseite der Medaille. Richtig, wenn die Geschwindigkeit
unter 80 km/h fällt, oft aus dem Stand beschleunigt wird, also im typischen Stop and Go
des Stadtverkehrs, dann wirds richtig teuer. Verbräuche über 30 Liter sind dann
unvermeidlich. Aber das weiß man und man versucht solche Kurzstrecken zu meiden.
Andererseits fällt es verdammt schwer, seinen Gasfuß zu zügeln, wenn an einer Ampel mit
zwei Fahrspuren der Nebenmann in seiner frisierten Kiste schwarze Streifen hinterlassen
möchte. Da juckt es schon gewaltig, und wenn dann das volle Drehmoment die Hinterachse
erzittern lässt und der Schub nicht mehr aufhört, dann hält sich der Nebenmann an der
nächsten Ampel bedeckter. Das gleiche Spielchen funktioniert auch an Autobahneinfahrten,
und da ist nicht bei 50 Schluss, da wird die 100er-Marke nach 9 Sekunden überschritten
einfach brutal, was hier dahintersteckt! Gefährlich werden solche Kapriolen
allerdings bei Fahrbahnnässe. Die beiden Hinterreifen sind völlig überfordert und
wollen trotz teilweise gesperrten Differentials nicht Fuß" fassen.
Ein Nervenkitzel besonderer Art (bei freien Straßen wohlgemerkt)
ist der mit kurzem Druck aufs Gaspedal herbeizuführende Powerslide gut steuerbar
driftet die Hinterachse nach aussen und lässt sich bei Bedarf wieder einfangen, solange
das Heck nicht überholt. Dann allerdings ist Feierabend, denn diese Masse macht alles
nieder, was ihr in den Weg kommt. Wie gesagt, ein Spiel mit dem Feuer, denn die Grenzen
sollte man kennen.
Wer bei widrigen Witterungsverhältnissen diese Spielart von
vornherin ausschließen möchte, dem sei dann eben der Griff zum (zuschaltbaren) Allrad
anzuraten. Damit fährt es sich wie auf Schienen und ein plötzlich ausbrechendes Heck ist
nicht so schnell zu befürchten.

Beweggründe
Ist es nicht unvernünftig, in diesen Zeiten gerade so ein Fahrzeug zu
fahren?
Ja und nein - Wer tagein tagaus zur Arbeit
fahren muss, im Jahr auf 20. 000 km kommt und nebenher kein weiteres Auto besitzt, der
sollte sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, solch ein Extremfahrzeug zu bewegen.
Wer allerdings wie ich auf einen Zeitraum von drei Jahren seine
Unvernunft beschränkt, sich im Alltagsverkehr einschränken kann und seine Autos mit Herz
statt mit Verstand aussucht, für den kann es nichts schöneres geben.
Einmal im Leben einen Fullsize-Pickup zu bewegen, mit all seinen
Vor- und Nachteilen zu leben und Erfahrungen auf Deutschlands Straßen damit zu sammeln
das ist für jemanden, der amerikanische Autos liebt und schätzt, schon ein
besonderes Gefühl. Alleine der Anblick lässt das Herz höher hüpfen. In den Staaten
wäre dies nichts besonderes, bei uns im verkehrsgestressten Deutschland ist es die
Ausnahme, welche die Regel bekanntlich bestätigt. Es wird auch immer eine Ausnahme
bleiben, dafür sorgen schon unsere Spritpreise.
Wenn man das Ganze allerdings von einer anderen Seite aus
betrachtet, ist es nicht mehr ganz so unvernünftig: Was geben manche Fans oder
Kunstliebhaber für ihr Steckenpferd aus, was kostet ein guter Theatersitzplatz, wieviel
zahlt man für ein Abendessen in gehobenem Ambiente die Liste wäre so lang wie die
unterschiedlichen Möglichkeiten, sein Geld für Dinge auszugeben, die einem (wenn auch
nur kurzfristig) Freude machen.
Wenn ich dann an der Tankstelle für eine Tankfüllung über 200
Mark löhnen muss, so denke ich mir, dass ich mindestens doppelt so viel Spaß mit meinem
Monster" habe als Otto Normalverbraucher und ich habe dann gar kein
Problem, dafür auch das doppelte zu zahlen.
Jörg Thalmaier
zurück
|